Liebe Gemeinde,
eigentlich können wir es doch: Freudenfeste feiern aus heiligem Anlass!
Warum eigentlich nicht am „Tag der deutschen Einheit“, unserem Nationalfeiertag? Eigentlich doch ein „gesegneter“ Tag, der so viel Anlass zur Freude bietet, schließlich ist das deutsche Volk nach Jahrzehnten der Trennung wieder eins. Die Bilder der Ereignisse, die das ermöglicht haben und die Erinnerungen an diese bewegende Zeit vor inzwischen 36 Jahren bereiten mir noch heute Gänsehaut.
Der 3. Oktober aber scheint mir mitunter eher ein vorgezogener Volkstrauertag als ein Freudentag zu sein. Gefeiert wird am Brandenburger Tor und stellvertretend in einem Bundesland. Im Fernsehen werden Ansprachen der Staatsoberen übertragen, die beklagen, was alles nicht gut ist und was alles noch nicht gelungen ist, welche Gefahren drohen und überhaupt…
Ganz anders die Schweizer, deren Nationalfeiertag am 1. August ich vor einigen Jahren miterleben konnte: die stolzen Eidgenossen decken sich mit Fähnchen ein und machen ihr hübsches Land noch schöner: alles ist mit Fähnchen und weißem Kreuz auf rotem Hintergrund geschmückt, Servietten, Tassen, Socken, T-Shirts… Man trifft sich mit Familien und Freunden, isst zusammen, freut sich, und am Abend läuft oder fährt man auf den Berg und wartet auf den Sonnenuntergang. Dann werden Höhenfeuer auf den Gipfeln und ein überdimensionales Schweizer-Kreuz aus Strohfackeln entzündet. Feuerwerk gibt es auch, und weil die Schweizer es nicht abwarten können, knallt die ein oder andere Rakete auch schon mal am Vorabend.
Wir dagegen freuen uns lediglich über den freien Tag, aber haben auch in über dreißig Jahren keine Rituale entwickelt, die den Tag mit Leben füllen und ihn zu einem unverwechselbaren, fröhlichen und positiven Tag machen, der seinem Anlass entspricht – ohne in Abrede zu stellen, dass nicht alles gut ist im vereinten Deutschland. Aber Grund zur Dankbarkeit ist die Wiedervereinigung allemal.
Ich erinnere mich gern an den 3. Oktober vor einigen Jahren. Es war Traumwetter und wir haben den späten Nachmittag zu einer Tour auf die Halde Norddeutschland mit seiner „Himmelsleiter“ genutzt. Dort sind wir bis in die Dunkelheit hinein geblieben, haben Fotos gemacht von bunten Drachen vor tiefblauem Himmel, vom Vollmond hinter dem Stahlgerüst des Hallenhauses… Von der Anhöhe hatte man eine traumhafte Aussicht über den halben Niederrhein, fast wie die Schweizer von ihren Bergen. Und ich hatte das Gefühl, ein klitzekleines Feuerwerk würde diesem ganz besonderen Tag einen passenden Abschluss geben.
Gertrud Sivalingam, Pastoralreferentin
Auszug aus dem Wochenbrief Nr. 41