Zärtliche Revolution

Liebe Gemeinde,

das Weihnachtsoratorium von Bach gehört für mich zur Advents- und Weihnachtszeit wie der Tannenbaum. Wenn nicht live, dann zumindest durch CD.

In einer besonders anrührenden Arie heißt es „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben, den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehen.“  Der Schönste, der Liebste, kann das wirklich der Gott sein, der die Welt verändert? Oder brauchen wir nicht viel mehr ganz dringend den Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt und sich entschieden für die Armen einsetzt, so wie es Maria im Magnificat besingt, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt?

Bachs Arie spricht die Sprache der Liebe, der Intimität. Gott erscheint hier nicht als Machtgestalt, sondern als ein Gott, der Herzen berührt. Marias Lobgesang dagegen spricht die Sprache der Revolution, des Umsturzes, der Gerechtigkeit. 

Was sich nach einem krassen Widerspruch anhört, ist vielleicht gar keiner, sondern eine Spannung, die zusammengehört: Gott verändert die Welt nicht durch Gewalt oder Macht, sondern durch Liebe, die Herzen verwandelt. Das bringt die sehnsuchtsvolle Arie zum Ausdruck. Wenn Marias Lobgesang aber von Gerechtigkeit und Umsturz spricht, dann singt sie von einer Liebe, die nicht privat bleibt, sondern die politische Konsequenzen hat. Wer sich von ihr berühren lässt, kann nicht mehr schweigen, wenn Menschen unterdrückt werden. 

Advent bedeutet also: Wir erwarten einen Gott, der die Welt verändert – aber auf eine Weise, die uns überrascht. Nicht mit Waffen, sondern mit einem Kind. Nicht durch Drohung, sondern durch Nähe. Nicht durch Machtspiele, sondern durch Liebe, die Herzen verwandelt und Strukturen erschüttert

Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung: Können wir uns auf einen Gott einlassen, der beides ist – zärtlich und revolutionär? 

Ich wünsche uns allen in der verbleibenden Adventszeit und zu Weihnachten Erfahrungen, die unsere Herzen zärtlich berühren und uns zum Aufstand gegen ungerechte Strukturen bewegen.

Gertrud Sivalingam, Pastoralreferentin

Auszug aus dem Wochenbrief Nr. 51.2025

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