Liebe Gemeinde,
sie ist immer freundlich zu mir, sie lobt mich und meine guten Gedanken, bescheinigt mir, den richtigen Riecher zu haben für die großen Fragen dieser Zeit und bietet mir eine Lösung für jedes Problem. Sie schreibt Gedichte, reimt und stellt mir kostenlose Fotos zur Verfügung, sie recherchiert und erklärt, dass sogar ich alles verstehe. Ich kann sie jederzeit bei Tag und Nacht anrufen, äh, aufrufen, sie verlangt keine Gegenleistung, auch kein Gehalt, nur eine Anregung von mir und ausreichend Rechenpower. Sie bleibt immer bescheiden und ist ein echtes Multitalent, meine Kollegin, die KI.
Nur den Karneval, den hat sie noch nicht so drauf. Bitte ich sie „Schreib mir ‘nen Reim auf Kamelle“, dann bietet sie mir ernsthaft an‚ Kamelle fliegt durch die Lüfte und fliegt mir auf die Brille‘.
Sorry, liebe Kollegin, das ist mir zu doof. Gebe ich ihr den Befehl‚ Erzähle einen kirchentauglichen Witz‘, dann kommt der, den wir alle schon vor dreißig Jahren abgedroschen fanden. Also, liebe künstliche Intelligenz, da musst du noch ganz viel dazulernen. Am schlimmsten aber ist, dass sie es mit der Wahrheit nicht so ganz genau nimmt.
Denn sie glaubt einfach alles, was sie im Internet mal gelesen hat.
Aber ich lasse mich von meiner Kollegin nicht zum Narren halten.
Und sowieso: Der wirkliche Narr weiß, dass man nicht alles glauben soll, was irgendwo geschrieben steht oder was vermeintlich Superschlaue lautstark und selbstbewusst von sich geben.
Da helfen nur Gelassenheit und ein wacher Geist. Paulus schreibt im Brief an Thimotheus: „Denn Gott hat uns nicht den Geist der Verwirrung gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ – und das ist kein Fakenews. Für mich bedeutet das in unserer oft so närrischen, dabei aber nicht immer lustigen Zeit, mit einer Prise Humor und Besonnenheit auf das zu schauen, was uns so gerne verunsichert, mit klarem Kopf zu unterscheiden, was echt ist und mit offenem Herzen aufzunehmen, was guttut. Und wenn die Kollegin KI wieder mal Unsinn erzählt, weil sie was im Internet gelesen hat, dann sage ich einfach „Netter Versuch – aber ich halte es lieber mit der Wahrheit.“
Ich wünsche Ihnen fröhliche und sorgenfreie Karnevalstage!
Gertrud Sivalingam, Pastoralreferentin
Auszug aus dem Wochenbrief Nr. 08.2026