„Ich brauche kein internationales Recht.“ Dieser Satz von Donald Trump in der New York Times lässt aufhorchen. Auf die Frage nach den Grenzen seiner Macht antwortete er: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“
Das klingt weit weg, nach großer Weltpolitik. Doch bei genauerem Hinsehen beschreibt es ein Phänomen, das uns alle betrifft: Eine schleichende Individualisierung, bei der das „Ich“ zur einzigen Grenze wird. Meine Meinung, meine Sicht der Dinge, mein Gefühl. Wenn das „Ich“ zum alleinigen Maßstab wird, schrumpft die Welt auf die Größe unseres eigenen Horizonts.
Wahrheit braucht ein Gegenüber
Interessant ist dazu ein Impuls von Papst Leo, der selbst als Kirchenrichter gearbeitet hat: Er warnte die Richter der Rota (Kirchengericht) in seiner jüngsten Ansprache vor „übertriebener Einfühlung“. Das klingt paradox, hat aber einen tiefen Kern. Wenn wir uns nur noch auf Gefühle und die eigene Perspektive verlassen, verlieren wir die objektive Wahrheit aus den Augen. Wahre Nächstenliebe ist kein bloßes „Wohlfühl-Gefühl“, sondern sie sucht das Heil des anderen in der Wahrheit des Evangeliums.
Ein Maßstab, der größer ist als wir
Wenn Menschen sich selbst zum Maßstab machen, wird es eng. Es führt oft dazu, dass wir nur noch das gelten lassen, was uns selbst bestätigt.
Ich wünsche uns für die kommenden Tage den Mut, uns wieder an einem größeren Maßstab zu orientieren. Einem Maßstab, der Herz und Verstand verbindet, aber nicht bei uns selbst aufhört. Ein Handeln, das sich an Gott festmacht – an dem, was größer ist als unser
eigenes Ego.
Joachim Brune
Auszug aus dem Wochenbrief Nr. 07.2026