Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gemeinde,
ich saß neulich in einer Runde und wir haben gemeinsam überlegt, wie wir unseren Glauben heute gut sichtbar in die Welt tragen können.
Dass dies in einer zunehmend säkularen Welt schwieriger wird, wissen wir alle.
Seit einigen Monaten beschäftigt mich eine Idee aus Ulm. Dort stand vor dem Ulmer Münster ein Plakat mit dem Titel: „Zehn Gründe, warum es gut ist, in der Kirche zu sein“. Als ich diese Frage in unsere Runde stellte, war die Reaktion erstaunlich: Es herrschte Schweigen. Jemand sagte sogar: „Mir fallen spontan nicht einmal zwei ein.“
Liebe Schwestern und Brüder,
natürlich ist es oft schwer mit der Kirche – wir kennen die Krisen und die berechtigte Kritik. Aber Hand aufs Herz: Wie soll unser Zeugnis in der Welt funktionieren, wenn wir selbst nicht einmal zehn positive Punkte benennen können, weswegen wir in dieser Gemeinschaft aktiv sind?
Ich frage mich ernsthaft, was solch eine Haltung mit uns macht. Wenn ich nichts Positives mehr benennen kann, wenn ich alles nur noch problematisiere: Was macht das mit meiner Seele? „Kirchen-Bashing“ ist modern und man findet in fast jedem gesellschaftlichen Kreis schnell Konsens darüber, wie schlecht es um die Institution steht. Aber wir dürfen nicht vergessen: Wir sind diese Institution. Wir leben sie jeden Tag. Und für unser eigenes Seelenheil sollte es uns wert sein, wieder sprachfähig zu werden.
Der Religionssoziologe Detlef Pollack erinnert uns daran, was auf dem Spiel steht, wenn diese Sprachfähigkeit verloren geht:
„Zur Religion gehört ja das Gefühl, dass es etwas gibt, das über mich hinausweist. Dieses Bewusstsein wird durch das Christentum wachgehalten. Und dadurch kommen Begriffe wie Dankbarkeit und Hoffnung oder auch Erbarmen mit ins Spiel. Wenn diese Dimension verloren geht, fehlt dem Leben etwas Entscheidendes. Und ich glaube, das spüren viele Menschen, selbst wenn sie kirchenfern sind.“ (Die ZEIT, 23.11.2025)
Genau deshalb brauchen wir auch heute Menschen, die bereit sind, diese Dimension wachzuhalten. Es ist ein Dienst am Menschen. Daher möchte ich Ihnen heute meine persönlichen zehn Gründe anbieten, warum es sich lohnt, Teil dieses Ganzen zu sein:
Meine 10 Gründe, warum es gut ist, Mitglied der Kirche zu sein:
- Weltweite Heimat: Egal ob in Litauen, Mexiko, Israel oder China – als Teil der Weltkirche finde ich überall einen Ort, an dem ich mich ein Stück weit heimisch fühlen kann.
- Anwalt der Würde: In einer Welt, in der oft der Profit zählt, stellt die Kirche den Menschen in den Mittelpunkt. Sie ist die Stimme für die, die keine Lobby haben: Ungeborene, Geflüchtete, Arme und Sterbende.
- Fenster zum Transzendenten: Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die das Bewusstsein für das Göttliche in einer rein materialistischen Welt präsent hält.
- Gelebte Nächstenliebe: Unter dem Dach der Kirche engagieren sich unzählige Menschen freiwillig. Die Institution bietet hierfür den nötigen Schutzraum und die Infrastruktur, damit Gutes getan werden kann.
- Heilige Zeichen für das Leben: Wir haben Sakramente und Rituale für jede Lebenslage – sie machen Gottes Gnade in unseren menschlichen Übergängen greifbar.
- Ein Rhythmus, der aufatmen lässt: Mit den Sonntagen und dem Kirchenjahr bietet die Kirche eine Zeitstruktur, die das „Hamsterrad“ des Alltags unterbricht und uns Raum zum Atmen gibt.
- Bildung mit Fundament: Von der Kita bis zur Erwachsenenbildung vermittelt die Kirche ein Menschenbild, das auf einer Würde basiert, die man sich nicht erst verdienen muss.
- Halt in der Krise: In Zeiten von Trauer und Not ist die Seelsorge der Kirche oft die einzige Instanz, die einfach „da ist“ – ohne Limit und ohne Rechnung.
- Geprüfte Botschaft: Das Evangelium ist über Jahrhunderte gelesen, kritisiert und neu entdeckt worden. Dass diese Botschaft der Hoffnung immer noch da ist, zeugt von ihrer unvergleichlichen Qualität.
- Hoffnung über den Tod hinaus: In einer Welt, die sich oft im Hier und Jetzt verliert, hält die Kirche die Perspektive der Ewigkeit und der Auferstehung wach.
Ich freue mich sehr, wenn Sie mir schreiben oder mich ansprechen: Was sind Ihre Gründe? Was hält Sie in unserer Gemeinschaft? Lassen Sie uns wieder neu entdecken, was uns trägt und so Ostern spürbar werden lassen. Frohe und gesegnete Ostern Ihnen allen mit der schönsten Botschaft der Welt.
Herzlichst, Ihr
Joachim Brune, Pfarrer
Auszug aus dem Wochenbrief Nr. 16.2026